Wenn die letzte Tür zum Dialog geschlossen wird!
Die Schließung des russischen Hauses in Berlin trifft mich tief. Nicht nur als Künstler. Sondern als Mensch.
Im Oktober hätte ich dort als Schauspieler mein Programm „Tschaikowskis Hoffnung – Briefe mit Musik“ gespielt.
Es sollte ein Abend werden über Tschaikowski, über Musik und Sprache, über Briefe und Sehnsucht. Aber vor allem über das, was uns Menschen miteinander verbindet.
Ein Abend, an dem Menschen hätten zusammenkommen können.
Ein Abend, an dem man einander zuhört.
Ein Abend, an dem Kultur dort eine Brücke baut, wo Politik längst Gräben gezogen hat.
Nun wird dieser Abend nicht stattfinden.
Und das macht mich traurig. Und wütend.
Denn ich frage mich:
Was verlieren wir, wenn wir die letzten Räume der Begegnung schließen?
Wer den Krieg Russlands gegen die Ukraine verurteilt – und ich tue das ausdrücklich –, muss deshalb nicht die russische Kultur, russische Künstler oder russischsprachige Menschen aus unserem öffentlichen Leben verbannen. Im Gegenteil. Gerade jetzt brauchen wir Orte, an denen Menschen miteinander sprechen können. Ich kenne Menschen aus Russland, die diesen Krieg ablehnen. Menschen, die sich nach Frieden sehnen. Menschen, die ihre Heimat lieben und trotzdem nicht schweigen. Menschen, die den Kontakt zu Deutschland, zu Europa und zu anderen Kulturen nicht verlieren wollen.
Und ich frage mich: Wo sollen diese Menschen einander begegnen, wenn wir auch die letzten Räume des Austauschs schließen?
Ich fürchte, dass wir damit mehr zerstören als eine Institution. Wir zerstören eine Brücke.
Kultur ist nicht gleich Staat.
Ein Tschaikowski-Abend ist keine Kriegserklärung.
Und ein Gespräch zwischen Menschen ist keine politische Loyalitätserklärung.
Dialog bedeutet nicht Zustimmung.
Begegnung bedeutet nicht Vergebung.
Zuhören bedeutet nicht, die eigene Haltung aufzugeben.
Man kann einen Krieg entschieden verurteilen und trotzdem die Hand zum Gespräch ausstrecken.
Man kann Grenzen setzen und trotzdem Brücken offenhalten.
Man kann Nein zum Krieg sagen und gleichzeitig Ja zum Menschen.
Vielleicht ist genau das die Aufgabe von Kunst.
Denn Kunst fragt nicht zuerst:
Woher kommst du?
Sie fragt:
Was bewegt dich? Was fürchtest du? Wonach sehnst du dich? Was verbindet uns?
Ich hätte im Oktober gern mein Programm „Tschaikowskis Hoffnung – Briefe mit Musik“ gespielt.
Nicht für eine Regierung.
Nicht für eine politische Ideologie.
Nicht, um irgendetwas zu rechtfertigen.
Sondern für Menschen.
Für Menschen, die Kunst und Kultur lieben.
Für Menschen, die Frieden wollen.
Für Menschen, die Fragen haben.
Für Menschen, die vielleicht anderer Meinung sind.
Und für Menschen, die trotz allem noch bereit sind, einander zuzuhören.
Dass dieser Abend nun nicht stattfinden kann, tut weh. Nicht nur, weil eine Vorstellung ausfällt. Sondern weil wieder ein Raum weniger da ist, in dem Menschen einander begegnen können. Und vielleicht brauchen wir gerade jetzt mehr solcher Räume, nicht weniger. Vielleicht brauchen wir gerade jetzt mehr Kunst & Kultur. Mehr Gespräche. Mehr Mut zum Widerspruch. Mehr Menschlichkeit. Denn Kriege enden irgendwann.
Und wenn dieser Tag kommt, werden wir wieder miteinander reden müssen. Dann werden wir Menschen brauchen, die noch wissen, wie man Brücken baut. Deshalb ist für mich die wichtigste Frage nicht:
Welche Brücken können wir heute aus politischen Gründen abbrechen?
Sondern:
Welche Brücken brauchen wir morgen, damit wir wieder miteinander reden können?
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